Fotos: Christine Wawra (1), Textauszug (2): Ebreo, Guglielmo. (1993). De pratica seu arte tripudii = On the practice or art of dancing. (year of original publication: 1463.) Oxford: Clarendon Pr. Lars Eckstein (3).

Ballett – Unterricht

Ballett & Spitzentanz

Herkunft der Technik
Das Ballett ist eine europäische Kunstform mit Wurzeln im höfischen Tanz des italienischen Quattrocentos und wurde erstmalig im 17. Jahrhundert in Paris als Beruf ausgeübt. Während davor das Ballett den Männern vorbehalten wurde, dürfen Frauen erst seit dem 17. Jh. tanzen. Das Klischee Balletts — Spitzenschuhe, Helden in Strumpfhosen und sterbende Schwäne — ist ein Relikt der europäischen Romantik, in der das Ballett eine sehr starke, genrespezifische Entwicklung durchlebte. Das Ballett ist mit dem Ende der Romantik jedoch nicht ausgestorben. Es wird heute auf allen Kontinenten der Welt professionell ausgeübt und weiterentwickelt. Ballett ist Europas wichtigster Beitrag zum globalen Tanzerbe.

Die Bewegungstechnik des Spitzentanzes nahm ihr Anfang im frühen 18. Jahrhundert. Die erste dokumentierte Vertreter der Technik waren männlich und tanzten auf Spitzen bereits 1721 in London im Zusammenhang mit Commedia dell‘arte. In 1779 wurde männlicher Spitzentanz in der Tradition der danse noble ausführlich beschrieben, und zwar unter den Vertretern des avant-gardes — die ballet d‘action. Erst in der Zeit der Romantik um 1830 an der Pariser Opéra etablierte sich der Spitzentanz als technischer Bereich der weiblichen Tänzerinnen.

Das Romantische Ballett, welches im Rahmen der Nationalisierung und den Aufstieg der Bürgerlichen nach der französische Revolution entstand, brachte Änderungen in Thematik, Stil und Kostüm mit sich. Es war die Geburtsstunde der „Primaballerina“; fliegengewichtige Frauen schienen zu schweben. Der Spitzentanz wurde zum Symbol der Überweltlichkeit und Leichtigkeit.

Der Spitzentanz visualisierte somit die romantische Geschlechterrollen. Die Ansprüche des bürgerlichen Publikums erfüllte das übermenschliche, märchenhafte Theater mit der neuen Technik des Spitzentanzes. Der neue Abschnitt im Ballett brachte einen Aufschwung der Frauen mit sich; sie übernahmen Hauptrollen und verdrängten die Männer in den Hintergrund. Nie zuvor hatten die Tänzerinnen einen derartigen Kultstatus eingenommen. So ergab sich zumindest im Ballett die Möglichkeit aus dem scheinbar übermächtigen Schatten des Mannes herauszutreten. Seither tanzen Männer selten “sur les pointes”, vor allem als Travestie.

Beschreibung der Technik
Optisch charakteristisch für das Ballett sind Eleganz, Stolz, Würde, Erhabenheit. Die angebliche Mühelosigkeit der aufrechten Tänzer und ihr scheinbarer Sieg über die Schwerkraft ist jedoch das Ergebnis eines sehr umfangreichen Trainingprogramms: Als Grundlage vieler anderer Tanztechniken bietet es deswegen eine sinnvolle Ergänzung zum Unterricht in den Stilrichtungen Modern, Zeitgenössisch, New Dance, Jazz, Hip Hop, Stomp, etc. Als systematisches, ausgewogenes Körpertraining für Männer und Frauen aller Altersgruppen, die Spaß an der Bewegung zur Musik haben und zudem ihre Haltung verbessern wollen, stellt das Ballett außerdem eine wichtige Freizeitbeschäftigung der modernen Welt dar.

Ballett trainiert insbesondere die Rücken-, Bauch-, Gesäß-, Bein- und Fußmuskulatur sowie die Schultergürtelstabilsatoren, mit Betonung der Tiefenaußenrotatoren des Hüftgelenks, der Plantarflexoren, der M. peroneus brevis und longus. Hinzu kommen die Rotatoren der Arme und des Kopfs. Um Kraft effizient aufzubauen, sollte im Allgemeinen ein Muskel mindestens 3x pro Woche trainiert werden.

Unterrichtskonzept
Unser Kurssystem orientiert sich am Aufbau der achtjährigen professionellen Ballett-Ausbildung nach Waganowa. Dabei werden nur die ersten 4 Ausbildungsjahre am InzTanz regelmäßig unterrichtet; diese werden zudem am InzTanz nochmals unterteilt:

  • Das erste Jahr ist in drei Unterstufen unterteilt (1a, 1b, 1c). Stufe 1a umfasst der erste Drittel des ersten Jahres, 1b der zweite Drittel, und 1c der letzte Drittel.
  • Die restlichen Ausbildungsjahren sind in jeweils zwei Unterstufen unterteilt, in welchen jeweils die Inhalte des ersten und zweiten Halbjahres vermittelt werden.

Diese Strukturierung der Kurse ermöglicht es, Lernenden systematisch die Körpertechnik und das Bewegungsrepertoire des Balletts zu vermitteln und auszubilden. So wird stufenweise und nachvollziehbar eine solide und zudem gesunde Basis geschaffen. Denn im klar definierten Stufenrahmen können die Besonderheiten des einzelnen Körpers erkannt und thematisiert werden. Individuelle Korrekturen und Begleitung des Lernprozesses jeder Lernende sind Fokus des Trainings.

Während die Stufe 1a mit Übungen im Sitzen und Liegen beginnt, und die Stufen 1a und 1b mit Dehnungen enden, ist der Aufbau eines Balletttrainings am InzTanz ab Stufe 1c immer gleich. Wir beginnen mit 8-9 Kombinationen an der Stange. Nach einer kurzen Pause erarbeiten wir im Raum 12-13 Kombinationen. Dabei setzen wir das Bewegungsrepertoire des Balletts um zu stehen, drehen und springen. Die Kombinationen umfassen immer sowohl langsame als auch schnelle Bewegungen, aber die Komplexität der Kombinationen nimmt im Kurssystem stets zu. Balletttraining betont vor allem die Entwicklung von feinmotorischer Kraft und Kraftausdauer; in den höheren Stufen nimmt die Entwicklung von Schnellkraft zu.

Wir unterscheiden in den Technikkursen nicht nach Alter der Teilnehmer, sondern nach Wissensniveau. Mit Balletttraining sollte man jedoch frühestens mit 8 Jahren beginnen. Einen Einstieg für Kinder und Jugendliche bieten die Young Dance Ballet-Kurse.

Ballett Stufe 1 (a,b,c)
An der Stange werden Grundhaltung und erste Schritte erlernt, gleichzeitig Kraft und Kondition entwickelt. In der Mitte liegt der Schwerpunkt auf Musikalität und räumlicher Orientierung. Ab Stufe 1c wird die exercice à la barre mit einer Hand an der Stange ausgeführt, das Tempo wird langsam erhöht. Wir konzentrieren uns auf die Entwicklung der erforderlichen Koordination. Die Grundlagen werden durch einfache Kombinationen an der Stange und in der Mitte vertieft und erweitert. Das Tempo zieht weiter an. Wir konzentrieren uns auf die Meisterung der Grundhaltung, -positionen und -bewegungen des klassischen Tanzes. Bitte enganliegende, weiße Socken, ab 1c gern auch Ballettschuhe mitbringen.
Ballett Stufe 2 (a,b)
Das Studium der Bewegungen mit Épaulement beginnt. Die Anzahl der Kombinationen wird erhöht. Die Füße werden durch zunehmende Arbeit auf halber Spitze an der Stange und Sprünge auf zwei Beinen gekräftigt. Ab Stufe 2b wird die Stange vorwiegend auf halber Spitze durchgeführt. Das Tempo wird erhöht. Die mittleren port de bras werden betont, sowie Arbeit in 4. Position und verschiedene pas de bourrées.
Ballett Stufe 3 (a,b)
Die barre exercise wird auf demi-pointe ausgeführt. Basisstudium der einfachste Bewegungen en tournant wird begonnen. Au milieu wird mit einer Übungsschlussanhebung auf demi-pointe gearbeitet, die Kraft in den Beinen betont. Einfachste Sprünge auf einem Bein werden erlernt. Die Grundlagen der batterie werden eingeführt. Das Tempo wird leicht erhöht. Au milieu wird auf demi-pointe gearbeitet. Das letzte port de bras sowie die einfachste Drehungen auf einem Bein werden erlernt; gewohnte Bewegungen werden en tournant ausgeführt.
Ballett Stufe 4 (a,b)
Die Schrittkombinationen werden komplexer und enthalten mehr Drehungen, klein und groß, auf einem Bein. Große Sprünge en place entwickeln weiter die Beinkraft; die Grundlagen der grande allegro werden erarbeitet. Die petite batterie wird ergänzt. Sur les pointes werden sämtliche pas des bourrée en tournant ausgeführt und die großen Posen werden entwickelt.
Spitzentanz
In den Ballettkursen lernen wir bereits die Bewegungen des Spitzentanzes, führen sie aber noch nicht auf den Spitzen aus. (Allerdings können fortgeschrittene Lernende, nach Genehmigung der Lehrkraft, im entsprechenden Trainingsabschnitt eines Ballettkurses Spitzenschuhen anziehen.) Spitzentanz ist ein spezieller Teilbereich der Balletttechnik, erfordert spezielle Schuhe und wird am InzTanz gesondert unterrichtet. Spitzentanzkurse finden am InzTanz im Anschluss an Ballettkursen ab Stufe 1c statt, und sind genau wie die Ballettkursen inhaltlich nach Waganowa gegliedert.

Der Spitzentanz gehört zur höchsten Leistungskategorie des Balletttrainings; der höchste Sorgfalt ist somit nicht nur angebracht, sondern zwingend erforderlich. Eine Belegung von Kursen im Spitzentanz ist am InzTanz nur möglich, wenn im gleichen Semester am InzTanz zusätzlich mindestens zwei Ballettkursen pro Woche belegt werden. Zudem müssen folgende Voraussetzungen erfüllt werden:

  • physiologische Grundhaltung mit ausreichender Muskelkraft,
  • ausreichende Mobilität im Sprunggelenk,
  • seriöse Einstellung zur eigenen, balletttechnischen Entwicklung.

Wer am InzTanz bereits Ballettkurse besucht, kann sich bei der Lehrkraft direkt erkundigen, ob die Voraussetzungen für Spitzentanz erfüllt werden. Andere Interessierte können dies im Rahmen eines gesondert gebuchten Coachings am InzTanz erfahren. Wer die Voraussetzungen erfüllt, findet den Einstieg im Spitzentanz im Rahmen von Spitzentanz Stufe 1c. Zum Beginn dieses Kurses kaufen, nähen und bearbeiten wir gemeinsam Spitzenschuhen. Dieses Angebot zum Einstieg in Spitzentanz kann auch als Beratung am InzTanz gesondert gebucht werden.